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Yolanda: 04 Die erste große Liebe

Namenswelt: Yolanda

Irgendwann verliebt sich jeder einmal. Die einen früher, die anderen später. Irgendwann meint man auch, die große Liebe gefunden zu haben. Jetzt möchte man nur allzu gerne Sekunden und Wochen mit ihr oder ihm verbringen.

Während manch andere Glück haben und diese Zeit mit ihrer großen Liebe verbringen können, bin ich dazu verdammt, Pech zu haben. Manchmal habe ich zwar auch Glück, doch meistens nur im Unglück. So kam ich nicht mit meiner ersten großen Liebe zusammen.

Die große Liebe trug wunderschönes, kurzes blondes Haar. Seine blauen Augen waren traumhaft. Er war so süß! Das merkte ich schon, als ich ihn das erste Mal sah. Dies geschah im zweiten Halbjahr der neunten Klasse. Seine Eltern zogen um und er musste die Schule wechseln. Er kam nicht nur in meine Schule, sondern auch in meine Klasse. Da nur noch in der zweiten Reihe ein Platz frei war, saß er direkt vor mir. So konnte ich ihn jeden Tag aufs Neue beobachten. Hören, wie er dem Lehrer antwortet, wie er mit seinem Nachbarn spricht.

Anfangs traute ich mich nicht, irgendetwas zu sagen. Doch je mehr Zeit verging, desto mutiger wurde ich. Ich lud ihn sogar mal zum Kino ein. So könnten wir uns näher kennenlernen, sprach ich damals. Er roch den Braten und fragte, ob ich wegen ihm zwei Kinokarten gekauft hätte. Ich sagte „Nein. Meine Schwester wollte mit mir ins Kino gehen, doch sie hat leider abgesagt. Die Kinokarten wollten wir aber nicht verfallen lassen.“ Er glaubte mir und nahm das Angebot an.

Wenige Tage später waren wir dann im Kino. Am Ende der Vorstellung kam mir dann in den Sinn, ihn nach einer eventuellen Freundin zu fragen. Er antwortete, er hätte keine. Das war gut für mich, dachte ich. Doch seine nächste Aussage zog mir den Boden unter den Füßen weg.

„Ich werde auch nie eine Freundin haben“ sprach er. „Nie?“ fragte ich erstaunt. „Nein, ich stehe nicht auf Frauen!“ Ich konnte es noch immer nicht glauben und so fragte ich „Auf was denn dann? Auf Männer?“ Ich dachte nicht, dass er auf meine gegebene Antwort mit Ja antworten würde, doch er tat es. Er tat es! So ein wunderschöner Mann und er ist schwul! Das kann doch echt nicht wahr sein. Warum musste ich mich in einen schwulen Mann vergucken? Warum konnte er nicht, wie alle Anderen sein. Warum?

Er sah, dass ich etwas geknickt war und sprach „Ich hab nicht umsonst gefragt, ob Du nur wegen mir die Kinokarten gekauft hast. Hättest Du ja gesagt, hätte ich Dich gleich aufgeklärt!“ „Aber, aber das geht doch nicht! Im Unterricht hat man das doch nie gesehen!“ Er antwortete, dass man dies auch gar nicht sehen müsste. Schließlich wüssten es die wenigsten. Heutzutage würde es immer noch nicht akzeptiert werden, dass es Männer gäbe, die Männer lieben, genauso wenig wie man akzeptiere würde, dass es Frauen gibt, die nur Frauen lieben. So wollte er auch, dass ich keinem davon erzählen soll. Ich versprach, es nicht zu tun.

Nach unserer kleinen Unterhaltung gingen wir getrennte Wege. Ich musste es erst einmal verkraften, dass er schwul war. Meine große Liebe ist schwul. Wie konnte mir das nur passieren? Warum muss ich immer so ein Pech haben? Kann es nicht einmal einen Anderen treffen. Meine Eltern hätten mir ruhig einen anderen Namen geben können. Warum musste es ausgerechnet Yolanda sein. Wussten Sie nicht, dass der Name „das Veilchen“ bedeutet? Ein Veilchen, also ein blaues Auge, wünschten meine Eltern es mir? Wenn ich so zurückdenke, an all das, was mir passierte: Ja. Anderseits nicht wirklich. Welche Eltern wünschen ihrem eigenen Kind denn etwas Schlimmes? Keine.

Ich muss wohl einfach damit leben, dass ich morgens bis abends Pech habe. Wenn ich Glück habe, schläft das Pech in der Nacht, so dass ich mal Glück habe. Aber sonst? Na ja, die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Veröffentlicht

12.06.2026

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